10. Juni 2016

Toleranz leben am EGL – Trotz Krieg und Flucht: Ja zum Leben (svz 10-06-16)

Vortrag Firas 1

Gut gefüllte Stiftskirche am Mittwochabend in Lübz. Die Besucher lauschen dem Vortrag von…

Firas Moharram berichtet in der Stiftskirche Lübz über Land, Krieg und Flucht

Lübz
 ...Merel de Baat und Firas Moharram beim Vortrag über Syrien. Foto: monika maria degner.


…Merel de Baat und Firas Moharram beim Vortrag über Syrien.
Foto: monika maria degner.

Seit Januar lernt der 26-jährige Firas Moharram aus Damaskus Deutsch. Für ihn eine Selbstverständlichkeit. Seiner Beharrlichkeit in Sachen Sprache und seiner Offenheit gegenüber dem Land, das ihn aufnahm, war es jetzt zu verdanken, dass in der Stiftskirche ein Vortrag von ihm über Syrien und die Flucht aus diesem Land zu hören war – auf Deutsch. Die junge Merel de Baat, deren freiwilliges soziales Jahr am Eldenburg-Gymnasium Lübz sich nun langsam dem Ende zuneigt, war Firas Moharrams „Sprachlehrerin“.

Sie, die im Herbst ihr Landwirtschaftsstudium in Neubrandenburg beginnen wird, überlegte zunächst: „Mir war klar, dass ich diese Aufgabe bekommen würde, aber erst wusste ich nicht, wie ich vorgehen sollte.“ Dann vereinbarten sie und ihr „Schüler“, der in Syrien die Universität besucht hatte, um Französischlehrer zu werden, dass er Texte verfassen sollte, die Merel korrigieren würde. „Und so entstanden viele kleine Texte über Syrien. Firas schrieb nur über seine Heimat und zwar vor Beginn des Kriegs“, berichtet seine Lehrerin. „Natürlich“, ergänzt sie, „lernt man, nachdem man in Deutschland angekommen ist, nicht zuerst solche Wörter, die den Krieg beschreiben.“

Es mag noch andere Gründe geben für die Distanz, die die meisten geflüchteten Syrer zum jüngst Erlebten halten. Firas Moharram jedenfalls baute den ersten Teil seines mit reichem Bildmaterial bestückten Vortrags, der bezeichnenderweise länger war als der zweite zur Kriegskatastophe, als einen sachlichen, faktenreichen Überblick über ein Land mit bewegter Geschichte auf, das in der jüngeren Vergangenheit teils nach westlichen Mustern modernisiert wurde. Aber ein Land eben auch, das seit 1971 diktatorisch von Baschar al Assad regiert wird. Ob man sich vorstellen könne, sagt der Referent augenzwinkernd, dass dieser Herrscher tatsächlich Jahr für Jahr mit einer Quote von 99 Prozent wiedergewählt wurde?

Zur Zeit des sogenannten „arabischen Frühlings“ bricht auch in Syrien das Verlangen nach demokratischen Veränderungen auf. Bilder des Vortrags zeigen gewaltig große Menschenmengen, die protestierend durch die Städte ziehen. Der Anfang vom Ende. „ch war mitten im Leiden“, sagt Firas Moharram zu Beginn seines zweiten Kapitels. Und es sei wichtig über das Leiden zu reden, aber er wisse nicht, wo anfangen. Nur seine Schwester mit ihrer Familie ist noch in Syrien, die Eltern und der ältere Bruder leben zurzeit im Flüchtlingslager in der Türkei, erläutert Merel de Baart. Den Söhnen der syrischen Familien werde tendenziell eher zur Flucht verholfen, da sie anderenfalls zum Kriegsdienst eingezogen würden. Sein Bruder arbeite in der Türkei. Das Geld reiche aber gerade zum Leben, erläutert der Referent, keinesfalls könne etwas für weitere Fluchten nach Europa gespart werden. „Die Flüchtlinge in der Türkei werden ausgenutzt“, sagt Firas, „vor allem die Kinder.“ Außerdem: 1300 Dollar fordern die Schlepper für die Fahrt über das Meer pro Person. „Woher soll das Geld für die Flucht einer ganzen Familie kommen“, fragt der junge Syrer. Nicht einmal der Verkauf des Hauses in Syrien bringe genug ein; welchen Wert hat ein Haus in einer Kriegsregion?

Und dennoch: Um dem Leiden zu entkommen, nehmen die Syrer vieles in Kauf. Dieser Krieg bedeute Angst, Trauer, Verzweiflung, sagt Firas. Und Massaker am Volk, täglich, auch mit Chemiewaffen. In den Gefängnissen werde gefoltert und in ganzen Regionen gebe es immer wieder kein Wasser, keinen Strom, kein Essen. Das syrische Volk sei mittlerweile über die ganze Erde verteilt. Verwaiste Kinder ziehen alleine umher. (Fast zwölf Millionen von insgesamt 24 Millionen Syrern sind auf der Flucht.) Und gerade in Europa, glauben die Flüchtenden, finden sie „gute Menschen“, eben das Gegenteil von denen, die sie nun im sechsten Jahr quälen.

Firas Moharram setzte im Schlepperschlauchboot von Izmir zu einer griechischen Insel über. Um 1 Uhr nachts, sagt er, wurden sie zu fünfzig in das kleine Boot gepresst. In seinem Fall gelang die Flucht. Aber er weiß natürlich, wieviel „Reisesterben“ es gibt. Kinder, berichtet er, fallen oft aus den Booten, weil sie sich nicht halten können. Umso dankbarer zeigt Firas sich für die Hilfe in Deutschland. „Wir Syrer hoffen, dass ein neues Syrien einst gute Beziehungen zu Deutschland eingehen kann.“ Und: „Trotz allem, was uns passiert ist, sagen wir Ja zum Leben.“

Monika Maria Degner

Firas Moharram wird am 15. Juni, um 19 Uhr im Pfarrhaus Kuppentin noch einmal seine Geschichte erzählen.

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